Der globale Wettlauf um die künstliche Intelligenz

Eines lässt sich nicht abstreiten: Der Vorsprung der USA und China im Wettlauf um die Vorherrschaft bei künstlicher Intelligenz ist enorm. Kann das europäische Programm “JEDI” unter deutsch-französischer Führung die Lücke überhaupt noch schließen?

Momentan liegt das Momentum der digitalen Dynamik in der öffentlichen Wahrnehmung im Wettrennen mit den USA auf Seiten Chinas. Das hat vor allem auch mit geschickter und mutiger Kommunikation zu tun. So hat die Staatsführung in Peking ein großes Ziel öffentlich ausgerufen: Bis 2030 soll die derzeit zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt bei der künstlichen Intelligenz (KI) alle anderen Länder übertreffen und direkt und indirekt 1,5 Billionen Dollar erwirtschaften. Aber auch die harten Fakten sind beeindruckend. Um das Ziel der KI-Vorherrschaft zu erreichen, werden in China staatliche Investitionen getätigt, die hierzulande momentan unvorstellbar sind: so wird in der Nähe von Peking ein Technologiepark für künstliche Intelligenz für fast zwei Milliarden Euro gebaut. Bis zu 400 Firmen sollen sich hier ansiedeln, der Park ist ausgestattet mit den neuen Mobilfunk-Standard 5G und einem Supercomputer. Schwerpunkte sind unter anderem die Felder Big Data, Machine Learning, biometrische Personenerfassung und Cloud Computing.

Dynamische digitale Infrastruktur

Auch die allgemeinen Grundlagen für die Digitalisierung sind hervorragend, denn China verfügt über eine der aktivsten Startup- und Digital Investment-Ökosysteme der Welt: von digitaler Technologie, Virtual Reality, autonomen Fahren bis hin zu 3D-Druck, Robotik, Drohnen-Technik und eben künstlicher Intelligenz. Eines der erfolgreichsten Projekte ist dabei Face++, Chinas führende Software im rasant wachsenden Markt der Bild-, Text- und Gesichtserkennung. Ein weiteres Leuchtturmprojekt ist Apollo des Internetriesen Baidu: eine offene Plattform für selbstfahrende Autos, ähnlich zu Google Waymo. Es soll dabei ein Open Source Betriebssystem für die Automobilbranche entstehen, auf das Entwickler frei zugreifen können und damit auch konventionelle Fahrzeuge automatisieren können. Rund 90 internationale Partner hat die Apollo-Initiative bereits, darunter Daimler, Ford, oder Microsoft. Wie beim US-Konkurrent Google gilt auch bei Baidu die Devise “AI First”.

Daten als Basis für künstliche Intelligenz

Von den weltweit 262 Unicorns, also Startups mit einer Bewertung über 1 Milliarde US-Dollar, kommt jedes dritte aus China. Im Bereich E-Commerce ist China weit vorne, im Land werden über 40 Prozent des globalen Handelsvolumen umgesetzt. Noch drastischer ist der Unterschied beim Mobile Payment: Das Land hat elf Mal mehr mobile Transaktionen als die USA. Diese Punkte sind sehr wichtig, weil aus der Nutzung der Endkunden enorme Datenmengen entstehen, die wiederum die Basis für Machine Learning sind und so die Entwicklung von KI ermöglichen. Hier wird deutlich, warum das geflügelte Wort von Daten als das neue Öl entstanden ist. Es sind also primär drei Faktoren, die das digitale Wachstum Chinas vorantreiben: die erfolgreichen Pendants zu den US-amerikanischen Tech-Riesen wie Tencent, die junge Bevölkerung und die große staatliche Unterstützung.

USA: Von der Wirtschaftsmacht zur Digitalmacht

Auch wenn die Fortschritte enorm sind, die USA schlafen keineswegs. Auch hier fließen Milliarden in KI-Projekte. Neben einer innovativen Start-Up Szene sind vor allem die Tech-Riesen wie Facebook, Amazon und Google die Entwicklungstreiber. Sie können KI schon heute in ihren Produkten einsetzen und testen und sind immer noch Magnete für die besten Talente weltweit. Führend unter den US-Unternehmen scheint momentan Google zu sein. Mit Leuchtturmprojekten wie dem schon heute legendären Alpha Go Zero der Google Tochter Deepmind konnten große und öffentlichkeitswirksame Erfolge gefeiert werden. Google stellt die KI-Entwicklungen unter dem Namen AutoML als Open Source zur Verfügung und schafft so ein globales Ecosystem.

Rechner, Köpfe und Daten

Die wichtigsten Parameter beim Wettlauf um die Führungsrolle bei KI sind starke Rechner, kluge Köpfe sowie hohe Datenverfügbarkeit für das Training der Machine Learning-Prozesse. Auf den Feldern Daten sowie Rechner-Power ist Europa deutlich abgeschlagen. Die stärksten Supercomputer stehen fast ausnahmslos in den USA und China, diese Entwicklung wurde völlig verpasst. Auch bei den Daten sieht es schlecht aus. In Amerika sind es die großen Tech-Konzerne wie Google und Facebook, die Daten aggegrieren und verarbeiten, in China kommt in der kommunistischen Struktur sogar noch das Staat als Datenverarbeiter hinzu. Europa kann lediglich auf einem Feld ansatzweise konkurrieren, und das ist der Kampf um die besten Human Resources. Vor allem die Forschung ist in Deutschland und Frankreich traditionell stark, allerdings fehlt oft die Anbindung zu innovativen und funktionierenden Geschäftsmodellen, wie es in den USA und China der Fall ist.

Kann JEDI die Wende bringen?

Die Hoffnung der Europäer liegt deshalb auf einem Projekt namens JEDI, der "Joint European Disruptive Initiative”. Der Bund aus Managern, Wissenschaftlern und Spitzenbeamten soll sicherstellen, dass Europa nicht nochmal den nächsten Technologiesprung verpasst. Das Vorbild ist die Darpa, die berühmte Agentur des US-Pentagons, die Challenges für die freie Wirtschaft ausschreibt. Beispielsweise sind Googles selbstfahrende Autos und Apples Sprachassistenten aus der Darpa entsprungen. Die Kraft liegt in den USA in der Mischung aus Grundlagenforschung und unbändiger Start-up-Mentalität.

Wird Deutschland auch von Frankreich überholt?

Die Reformmüdigkeit, die sich in Deutschland in den letzten Jahren breit gemacht hat, schlägt sich auch im Wettbewerb mit Frankreich wider. Präsident Macron und nicht die Bundesregierung führt Europas Bemühungen um eine wettbewerbsfähige KI-Landschaft an und versucht das französische Ecosystem mit Investitionen zu stärken. Dazu gehören auch Dependanzen der großen Tech-Player: Google und Facebook haben bereits Labors in Paris. Samsung, IBM, Fujitsu und Deep Mind wollen den Schritt ebenfalls gehen. In Deutschland wird im Gegensatz immer noch über Breitband-Infrastruktur diskutiert, die wirklich wichtigen Themen scheinen gar nicht stattzufinden. Es gibt keine nationale KI- oder Digitalisierungsstrategie. Hinzu kommt das fast startup-feindliche Umfeld, das große Finanzierungsrunden zur Ausnahme macht und Gründer oftmals mitsamt ihres Geschäftsmodells auswandern lässt.

Wie wird sich die DSGVO auswirken?

Hinzu kommt die europäische Datenschutzgrundverordnung DSGVO – hierzulande noch durch die Regierung verschärft – deren Auswirkungen auf die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit noch gar nicht absehbar sind. Kritiker befürchten, dass die DSGVO-Regulierung die Dynamik der digitalen Transformation noch weiter ausbremst. Das Center for Data Innovation, ein angesehener Think Thank, ist sich sicher: Die DSGVO bringe dem Bürger wenig, lähme die Datennutzung und schaffe hohe Rechtssicherheit. Es ist also nicht nur schwer für Europa, den Rückstand zu den USA und China aufzuholen, weil der Vorsprung auf den Feldern Datenverfügbarkeit und Rechnerkapazitäten enorm ist. Auch die Rolle Deutschlands als wirtschaftlicher Innovationsmotor steht aufgrund der französischen Dynamik in Frage.

Gerne beraten wir Sie dazu, wie künstliche Intelligenz in ihrem Unternemen erfolgreich eingesetzt werden kann.

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